Füssen, 29.06.2026 – Was geschieht wenn Menschen zusammenkommen, um sich nicht nur miteinander, sondern auch mit einem Fluss auszutauschen? Diese Erfahrung machte eine Gruppe am Sonntagmorgen, 28. Juni, am auf Tiroler Seite noch teilweise erhaltenen Wildflussufer des Lechs. Genutzt wurde für diese ungewöhnliche Situation das Kommunikationsformat „Sprechen & Zuhören“, das der Verein Mehr Demokratie e.V. vor allem zum Austausch über schwierige und kontroverse Themen entwickelt hat.

Ina Schicker, Naturpädagogin und Moderatorin des Formats, begrüßte die Teilnehmenden zusammen mit Helmut Scheel vom Verein Netzwerk Rechte der Natur e.V. am Walderlebniszentrum in der Ziegelwies. Auf dem durch Bäume beschatteten und angenehm gekühlten Auwaldweg ging es zur Einstimmung weitgehend in Stille zum Lech. Verschiedene Impulse von Helmut Scheel ließen Fragen entstehen: Wie nutzt der Mensch die Flüsse? Wo beginnt der Lech und wo hört er auf? Spätestens an der Hochwassersäule mit ihren Markierungen wurde dieser Aspekt konkret erfahrbar.
Auf einer Schotterbank am Lech teilte sich die Gruppe in Kleingruppen auf und jeder Gruppe wurde der Lech als weiterer Teilnehmer zugewiesen.
„Wie geht es Dir mit dem Lech, seinem Wesen und seiner wilden Natur?“ lautete die Frage, zu der die Anwesenden der Reihe nach jeweils vier Minuten lang sprachen und aufmerksames Gehör fanden. Den Anfang der drei Sprechrunden machte jeweils der Fluss. Sein Gurgeln, Plätschern und Rauschen mischte sich mit dem Rascheln des Laubs der Büsche im Flussbett, dem Gezwitscher von Vögeln und Geräuschen des Windes und erzählte von Lebendigkeit, Bewegung und stetiger Veränderung.
Das Wahrnehmen geschah auf unterschiedliche Weise: sichtbar im Fließen und in der Farbe des Wassers, hörbar im Strudeln und Rauschen, fühlbar im Luftzug und in der Feuchtigkeit. Jede und jeder nahm etwas anderes wahr. Widerspruch gab es bewusst nicht, alle Wahrnehmungen blieben unkommentiert nebeneinander stehen. Bei der Schilderung ihrer Eindrücke griffen manche den keltischen Namen des Lechs „Lika“ auf, weil sie den Fluss als weiblich empfanden.
So wurde beschrieben, dass der Lech Tage zuvor noch härter geklungen habe, obwohl weniger und klareres Wasser geflossen sei als an diesem Morgen, an dem er braun gefärbt war. Andere nahmen wahr, dass er Leben mit sich führte. Wieder andere empfanden eine Einladung, öfter und intensiver mit ihm in Kontakt zu treten, um ein Gespür für sein Wesen zu entwickeln – auch für den Wunsch, freier zu fließen und nicht nur als umbauter Kanal.

Dabei wurde deutlich: Der Lech wurde nicht nur als Gewässer, sondern als Wesen wahrgenommen. Seine „Sprache“ äußert sich nicht in Worten, sondern in Bewegung, Klang und Wirkung. „Der Lech spricht nicht in unserer Sprache – aber er teilt sich dennoch mit.“
Nach zwei Stunden empfanden viele eine intensivere Beziehung zum Lech. Das Experiment machte erfahrbar, dass Kommunikation mehr ist als Worte. Auch wir Menschen verständigen uns über Gestik, Mimik und Resonanz. In ähnlicher Weise kann auch ein Fluss als Gegenüber erlebt werden.
Zugleich wurde die Erfahrung in einen größeren Zusammenhang gestellt: „Wenn wir nicht lernen, der Natur zuzuhören, werden wir die Krisen unserer Zeit nicht bewältigen.“
