Am Muttertag (10.05.2026) ein Symposium zu veranstalten, erschien den Organisatoren des „Festivals der Zukünfte“ in Kempten zunächst als heikel. Doch gerade die Konstellation erwies sich im Nachhinein als stimmig. Die gewählte Überschrift gab dem Tag seine Richtung: Matriarchat.
Beziehung statt Herrschaft
Den Auftakt bildete ein Grundsatzvortrag der bekannten Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Ihr zentrales Anliegen war es, ein verbreitetes Missverständnis auszuräumen: Matriarchat bedeute nicht die Umkehr bestehender Machtverhältnisse, also die Herrschaft der Frau anstelle des Mannes. Vielmehr beschrieb sie es als ein Beziehungsgefüge, das ohne Hierarchie und ohne Herrschaft auskommt. Der Begriff selbst, so erläuterte sie, verweise mit der Silbe „arch“ nicht auf Herrschaft, sondern auf Ursprung – wie etwa bei der Arche Noah oder in der Archäologie, wo es um Anfänge und Herkunft geht. Von hier aus entwickelte sie ihre weiteren Überlegungen
zu einer Gesellschaft, die sich aus Fürsorge, Ausgleich und gemeinschaftlicher Verantwortung speist.
Mütterlichkeit als Leitmotiv
Mit einem augenzwinkernden Bonmot wandte sie sich auch an die Veranstalter: Einen passenderen Tag hätten sie kaum wählen können. Der Muttertag, so ihre These, sei im Kern ohnehin ein „Tag der Mütterlichkeit“ und damit dem matriarchalen Denken näher, als es der gängige Begriff vermuten lässt. In diesem Sinne ließe er sich treffender als „Tag des Matriarchats“ bezeichnen, eine Verschiebung, die den Fokus weniger auf eine Rolle als auf ein Prinzip lenkt.

Lebendiger Austausch
In der anschließenden Diskussion, an der sich das überwiegend weibliche Publikum lebhaft beteiligte, wurden die angesprochenen Aspekte vertieft. Trotz der digitalen Zuschaltung der Referentin entstand ein bemerkenswert lebendiger Austausch, fast als wäre sie persönlich anwesend, der die Themen nicht nur intellektuell, sondern auch erfahrungsbezogen weiterführte.
Gelebte Praxis
Der folgende Film „Mutterland – Das Matriarchat der Minangkabau“ von Uscha Madeisky und Dagmar Margotsdotter öffnete dann einen anderen Zugang: nicht über Theorie, sondern über gelebte Praxis. Er zeigte eine bis heute bestehende matriarchale Kultur in Indonesien und ließ die Zuschauenden teilhaben an Alltagsleben, familiären Strukturen und Übergängen wie Hochzeit und Geburt. Gerade die unaufgeregte Erzählweise verleiht dem Film seine Kraft; es wirkte, als wäre die Kamera unsichtbar und die Kultur würde sich von selbst entfalten. So entstand der Eindruck, für einen Moment Teil dieses sozialen Gefüges zu sein, getragen von Selbstverständlichkeit und gegenseitiger Einbindung.
Religion und soziale Ordnung
Im anschließenden Gespräch mit den anwesenden Filmemacherinnen rückte besonders das Verhältnis dieser matriarchalen Kultur zum Islam in den Fokus. Für viele im Publikum stellte dies zunächst einen Widerspruch dar. Die Erläuterungen machten jedoch deutlich, dass sich die Minangkabau unter anderem auf Sure 19 des Korans beziehen, in der Maria eine herausragende Rolle spielt. Daraus leitet sich für
sie eine religiös verankerte Achtung vor Mütterlichkeit ab, die mit den sozialen Strukturen ihrer Gesellschaft in Einklang steht – ein Beispiel dafür, wie unterschiedliche Ordnungssysteme nicht im Gegensatz stehen müssen, sondern sich wechselseitig tragen können.
Gemeinschaft als Erfahrung
Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Kreistanz im Innenhof des Altstadthauses. Gesang und Bewegung verbanden sich zu einem Moment, der weniger als Programmpunkt wirkte, sondern vielmehr als gelebter Ausdruck dessen, was den Tag durchzogen hatte: Gemeinschaft ohne Zentrum, Verbundenheit ohne Inszenierung,ein Miteinander, das nicht erklärt werden musste, weil es erfahrbar geworden war.

