Festival der Zukünfte zeigt reale Möglichkeiten auf

Eine ganze Woche Programm. Eine Woche Zukunft hören, spüren, sehen, riechen und denken. Die Eröffnung mit dem Symposium im Margaretha- und Josephinen-Stift am 09.05.2026 war eine Entführung in eine Welt jenseits des Pessimismus – in konkrete Zukünfte realer Möglichkeiten. Hier ein Nachklang.

Was sonst oft abstrakt bleibt, wurde greifbar: Wüste wird zu fruchtbarer Erde, Sand weicht saftigem Grün. „Sekem“ ist dies in Ägypten gelungen. Helmy Abouleish berichtete von diesem Projekt, das sein Vater vor fast 50 Jahren als Vision begann und das heute über 40.000 Bauern am Nil bessere Einkommensverhältnisse ermöglicht, Bildung stärkt und die Gesundheitsversorgung grundlegend verbessert hat. Wenn Ideen Früchte tragen, dann ist Sekem eine solche Frucht; eine, die in vielen Ländern Ableger hervorbringen könnte. Biodynamisch gilt hier weit über die Landwirtschaft hinaus: Es belebt eine gesamte Gesellschaft.

Während im Sekem-Projekt der Kuhfladen zur Urbarmachung der Wüste beiträgt, herrscht in Deutschland oft eine fehlgeleitete Vorstellung von Viehzucht, insbesondere von Kühen. Dr. med. vet. Anita Idel knüpfte daran an und betonte die Bedeutung der Weidewirtschaft. „Es gibt keine fruchtbaren Böden ohne Weiden“, so ihre These. Tatsächlich haben alle fruchtbaren Böden auf diesem Planeten ihren Ursprung auch in Beweidung – ob in den Plains Nordamerikas oder in den Schwarzerdeböden der Ukraine. Die Ursache liegt in der enormen Biodiversität: Auf engstem Raum entstehen unterschiedlichste Nährstoffangebote. Während ein Kuhfladen lokal ein Überangebot schafft, kann wenige Meter weiter bereits Mangel herrschen. So entstehen hoch angepasste, flexible Lebensgemeinschaften, die Grundlage von biologischer Vielfalt.

Nach der Mittagspause referierte Christian Felber zur Gemeinwohlökonomie als Basis für eine bessere demokratische Zukunft. Diversität – der gedankliche Anschluss an Anita Idel – ist auch ein Zeichen von Demokratie. Unterschiedlichste Staaten wie Russland, China, die USA, Frankreich oder Deutschland bezeichnen sich als demokratisch und sind doch sehr verschieden ausgestaltet. Am Beispiel der Coronamaßnahmen argumentierte Felber, dass der Souverän bei uns, das Volk, in Krisenzeiten teils deutlich eingeschränkt werde. Die repräsentative Demokratie könne dem Souverän in solchen Momenten Macht entziehen, die ihm eigentlich
zusteht.

Geseko von Lüpke (links) und Lotte Roessler (rechts) moderierten das Podiumsgespräch mit den Vortragenden.

Eine besondere demokratische Form stellte Thomas Hann vor. Er berichtete über die Entstehung und Entwicklung einer Genossenschaft im Südschwarzwald. In solchen Strukturen werden Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen, und der Zweck ist klar definiert: die Förderung der eigenen Mitglieder. Im Hofgut Leo wurde dieses Prinzip erweitert; hier ist auch die Natur Genossenschaftsmitglied. Gerade dieses Mitglied soll zum Wohle aller besonders gefördert werden. Die rechtlichen und formalen Herausforderungen, die sich daraus ergeben, bildeten einen zentralen Punkt seiner Ausführungen.

Herausforderungen ganz anderer Art nahm Emilia Roig in den Blick. Erlebte Ungerechtigkeit aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Beeinträchtigungen stand im Zentrum ihrer Betrachtungen. An konkreten Beispielen zeigte sie, wie Diskriminierung wirkt: Ist der eingeschränkte Mensch das Problem – oder die Treppe? Ist das Andere defizitär oder eine mögliche Bereicherung?
Unterschiede können abgewertet werden oder das eigene Leben erweitern.
Integration bedeutet nicht Gleichmachung, sondern die Fähigkeit, sich inspirieren zu lassen. Zugleich kritisierte Roig die starke Ausrichtung patriarchaler Systeme auf das Rationale, die zu einem verengten, dualen und wertenden Denken führe. Ihre
eindringlichen Ausführungen brachten bestehende Gewissheiten ins Wanken und das mit dem klaren Impuls, sie zu hinterfragen und in neues Handeln zu überführen.

Der erste Tag des Festivals machte deutlich, wie eng ökologische, ökonomische und soziale Fragen miteinander verwoben sind und dass konkrete Alternativen längst existieren.

Scroll to Top