Der Lech als Person? Bürgerrat für die Rechte des Lechs

Wie geht es der Natur, wenn ihr geschadet wird? Wer ergreift für sie das Wort? 
Seit einiger Zeit gibt es Gedanken, auch nicht-menschlichen Akteuren eigene Rechte zuzuerkennen und ihnen so die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Interessen zu vertreten. So zum Beispiel den Flüssen als wichtigen Lebensräumen und Lebensadern des Planeten. Möglich wurde dies erstmalig 2017 in Neuseeland, als der Whanganui-Fluss als Rechtssubjekt anerkannt wurde. Fast zeitgleich erklärte auch in Indien ein Gericht den Fluss Ganges zu einer Rechtsperson – und fünf Jahre später wurde dem Ökosystem der Lagune Mar Menor durch ein Gesetz Rechtspersönlichkeit verliehen.

Plakat mit Einladung zur Sprechen&Zuhören-Veranstaltung "Persönlichkeitsrechte für den Lech?"

Nun wird das Thema auch am Lech aufgegriffen. Tanja Seider, Professorin für soziale Arbeit, und die Künstlerin und Bildhauerin Julia Hiemer lud an der Volkshochschule Füssen am 3. und 4. Juli 2026 ein zu einem Planspiel – Bürgerrat „Rechte für den Lech?“. Tanja Seider, selber engagierte Naturschützerin, zeigte mit diesem Format ganz praktisch, wie Bürgerräte als innovative Beteiligungsverfahren – gerade auch bei schwierigen gesellschaftlichen und politischen Fragen – die Demokratie sinnvoll erweitern können.  In einem Bürgerrat können sich Menschen aktiv gesellschaftlich einbringen und werden aus ersten Hand von unterschiedlichen Experten zu einem Thema umfassend informiert. Auf dieser Basis können sie sich eine fundierte Meinung bilden und auf dieser Grundlage dann Empfehlungen an die Politik aussprechen.

Unter Einbeziehung von vielfältigem lokalen Bürgerwissen wurde im Rat diskutiert wie (Stadt-)Gesellschaft gemeinsam gestaltet werden kann, wenn auch Flüsse, Wälder oder Ökosysteme bewusst in gesellschaftliche Entscheidungen einbezogen werden und eine Stimme im „Parlament der Dinge” bekommen. Bei diesem Ansatz des französischen Philosophen Bruno Latour geht es darum, die komplexen Wechselwirkungen zwischen allen Beteiligten anzuerkennen und so eine neue Form der Empathie mit den Lebewesen auf dieser Welt zu ermöglichen.

Beim Bürgerrat-Planspiel in Füssen setzten sich die Teilnehmenden mit dieser neuen Form der demokratischen Beteiligung am Beispiel der aktuellen Herausforderungen auseinander, die sich für den Gebirgsfluss Lech in Zeiten des Klimawandels stellen. Phasen des Wissensinputs mit Diskussionen wechselten sich ab mit kreativ-künstlerischer Arbeit.

Die Artenvielfalt sowohl von Pflanzen wie auch Tieren hat sich am Lech als einem der am stärksten für die Wasserkraft genutzten und dadurch mit vielen Staustufen verbauten Flüsse durch diese technischen Eingriffe stark verringert. Dieses Thema gewinnt derzeit an Aktualität, da einige Konzessionen für die Wasserkraftwerke amLech in den kommenden Jahren auslaufen. Wenn sie vom Freistaat Bayern neu vergeben werden, könnte die Chance entstehen, dass einige von ihnen in öffentliche Hand übergehen und dann umweltverträglicher betrieben werden als bisher.

In Füssener traten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen Dialog über die unterschiedlichen Möglichkeiten, wie der Lech mittel- und längerfristig in Teilen renaturiert werden könnte. Konkrete Vorschläge dazu machen unter anderem das Programm Licca liber der Bayerischen Staatsregierung und das Zukunftsprogramm Lech 21 des Bund Naturschutzes. Mit Interesse setzten sich die Teilnehmer damit auseinander, inwiefern diese Möglichkeiten und die Bewegung der „Rechte für die Natur“ hilfreich für den Schutz des Flusses und seiner Ökosysteme sein könnte.

Darüber hinaus regte die Künstlerin Julia Hiemer dazu an, sich mit dem Lech auch künstlerisch auseinanderzusetzen, um mit dem Fluss in Austausch zu kommen. Dazu stellte dazu Ton, Farben, Papier und weitere Mittel zur Verfügung. Sie forderte dazu auf, Naturmaterialien entlang des Wasserlaufs zu sammeln und in die eigenen Werke zu integrieren. Dadurch wurde eine neue Dimension der Verbundenheit mit dem Lech erlebbar.

Aus dem Seminar ging ein Bündnis für den Lech hervor, das im nächsten oder übernächsten Jahr ein Symposium mit ökologischer, kultureller und politischer Ausrichtung und vielen verschiedenen Beteiligten plant. Interessenten, die sich beider Gestaltung einbringen möchten, sind herzlich willkommen!

Kontakt:
Helmut Scheel, Lechbruck
Vorstand Netzwerk Rechte der Natur e.V.
helmut.scheel (at) rechte-der-natur.de

Prof. Tanja Seider, Schwangau
tseider19@gmail.com


28.06. Dem Lech lauschen

Im Vorfeld zum Bürgerrat für den Lech luden Helmut Scheel und Ina Schicker am Sonntag, 28. Juni 2026 um 9 Uhr ein zu “Sprechen & Zuhören” in freier Natur.

An den Ufern des Lechs trafen sich Menschen zu einem besonderen Dialogformat, das entwickelt wurde, um demokratischer Meinungsvielfalt Raum zu geben und eine zukunftstaugliche Form des Miteinanders praktisch erfahrbar machen: respektvoll, verbindend und auf Augenhöhe. Im Mittelpunkt stand die Frage: „Im Fluss mit dem Fluss – Wie geht es Dir mit der wilden Natur des Lechs?“ 

HIER mehr erfahren
Anmeldung: info (at) allgaeu-fairnetzt.org

Bilder: Helmut Scheel

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